„Auf den Terminmärkten gehen die Marktakteure auch mittelfristig von niedrigen Strompreisen aus.“

Gastbeitrag von Mag. Dr. Martin Huber,
Wirtschaftsforscher an der Universität St. Gallen und gebürtiger Landecker

Vor kurzem erging an die Oberländer Bevölkerung eine Postwurfsendung mit dem Titel „Sanna News – Informationen zum geplanten Wasserkraftwerk Sanna“, in welchem mehrere Oberländer Bürgermeister ihre Unterstützung für das Kraftwerksprojekt bekunden. Ich möchte die Oberländer Bevölkerung hiermit warnend auf Fehl- sowie fehlende Informationen in diesem Rundschreiben hinweisen, die für die objektive Beurteilung der Wirtschaftlichkeit/Sinnhaftigkeit dieses umstrittenen Projekts unbedingt richtigzustellen sind.

Postwurfsendung (c)INFRA/wikopreventk

Postwurfsendung (c)INFRA/wikopreventk

So wird zum Beispiel entgegen der tatsächlichen Sachlage im Rundschreiben die Wichtigkeit des Projektes für die Sicherung der regionalen Energieversorgung hervorgehoben:

  • Bgm. Siegmund Geiger (Zams) spricht in diesem Zusammenhang von einem „Schritt zum Ausbau der Tiroler Energieunabhängigkeit“.
  • Bgm. Harald Sieß (Strengen) meint sogar, dass der „Ausbau der Wasserkraft für die Sicherstellung einer ausreichenden Energieversorgung für die kommenden Generationen in Tirol unumgänglich“ sei.

Diese Aussagen sind im höchsten Maße irreführend, weil Tirol keine energiewirtschaftliche Insel darstellt, die abgeschottet vom Rest Europas agiert. Ganz im Gegenteil ist das Land in den europäischen Energiemarkt integriert, auf dem Strom frei über Landes- und Staatsgrenzen hinweg gehandelt wird. Somit wird die Versorgung Tirols über das europäische Stromangebot gewährleistet, keinesfalls aber durch lokale Kraftwerksbetreiber „gesichert“, die ihre Stromproduktion wie alle anderen Marktakteure zum europäischen Marktpreis handeln.

Weiters ist festzuhalten, dass ein Sanna-Kleinkraftwerk durch seine Bedeutungslosigkeit im Vergleich zum Gesamtmarktvolumen praktisch keinen Einfluss auf das europäische Angebot und somit auf den Strompreis in Tirol hätte. „Versorgungssicherheit“ ist deshalb kein relevantes Argument in der Diskussion um das angedachte Sanna-Kraftwerk – ein ähnlicher Unfug wäre es zu behaupten, dass Tirol eine eigene Automobil- oder Smartphone-Produktion aufbauen müsse, um die „Versorgungsicherheit von Autos oder Smartphones für kommende Generationen“ zu gewährleisten.

Ein Blick auf die Entwicklung des europäischen Stromangebots legt aber einen durchwegs rosigen Ausblick auf die „Sicherstellung einer ausreichenden Energieversorgung für die kommenden Generationen in Tirol“ nahe: Durch den anhaltenden massiven Ausbau von Wind- und Solarenergie insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland ist das Angebot stetig angewachsen und der Strompreis an den Energiebörsen über die letzten Jahre stark gefallen, auf derzeit ca. 3 bis 3.5 Cent pro kW/h.
Interessant ist auch, dass die Preise für Stromlieferungen in zukünftigen Jahren, welche bereits heute auf den sog. Terminmärkten gehandelt werden, ähnlich niedrig sind, sodass die Marktakteure also auch mittelfristig von niedrigen Strompreisen ausgehen. Für die Rentabilität des Sanna-Kraftwerksprojekts sind dies hingegen schlechte Nachrichten.

Laut einem unabhängigen Gutachten von Univ.-Prof. Mag. Dr. Alois Pircher wäre das Projekt erst ab einem Strompreis von ca. 7 Cent pro kW/h rentabel, was mehr als dem Doppelten des derzeitigen Marktpreises entspricht. Die im Rundschreiben getätigte Aussage, dass das Projekt in einem „guten wirtschaftlichen Bereich“ liege, ist vor diesem Hintergrund überhaupt nicht nachvollziehbar und es erscheint grob fahrlässig, die Bevölkerung dies glauben machen zu wollen.

Insbesondere liefert das Rundschreiben keine Aussagen über Kalkulationen oder Zahlen, welche die Behauptung der „guten Wirtschaftlichkeit“ stützen und die negative (und wirtschaftlich nachvollziehbare) Einschätzung des Expertengutachtens von Univ.-Prof. Pircher entkräften könnten. Im Übrigen wird das Gutachten mit keinem Wort erwähnt, obwohl es den Lokalpolitikern zugänglich ist.

Für eine Kosten-Nutzen-Analyse des Projekts wäre es ferner notwendig, die zu erwartenden Einbußen für andere Interessensgruppen, sowohl die nicht-monetären (Verbauung eines der letzten nicht regulierten Flüsse Mitteleuropas), als auch die finanziellen, insbesondere für die (Wildwasser-)Tourismusbranche, zu berücksichtigen. Hier stellt sich auch die Frage, welche langfristigen Arbeitsplätze (nach Vollendung des Kraftwerksbaus) geschaffen werden und welche anderenorts, vor allem bei den Rafting-Unternehmen, zerstört werden. Diese Bilanz fällt wohl negativ aus, gegeben, dass auf der Sanna jedes Jahr Tausende Touristen transportiert werden und die Belegschaft eines Kleinkraftwerks nahe bei Null liegt.
In jedem Falle entbehrt das Rundschreiben all dieser Informationen/Diskussionen und bleibt auch in seiner Ankündigung einer angeblich angestrebten „Kompromisslösung für alle, die den Fluss nutzen wollen“ völlig unkonkret.

Mag. Dr. Martin Huber

Mag. Dr. Martin Huber

Die Oberländer Bevölkerung sei deshalb davor gewarnt, dieses Rundschreiben als informativ oder gar objektiv zu betrachten. Im besten Falle kann man es als unglücklich formulierte Werbekampagne vermeintlich schlecht informierter Lokalpolitiker interpretieren, im schlimmsten Falle aber als mutwillige Einflussnahme auf die öffentliche Meinung basierend auf Fehl- und fehlenden Informationen.

Die finanziellen Belastungen, die den Gemeindekassen aufgrund der Nicht- oder Falschbeurteilung der wirtschaftlichen Rentabilität entstehen könnten, hätten dann jedenfalls „die kommenden Generationen in Tirol“ zu tragen. Es ist vor dem Hintergrund der jüngsten Finanzskandale der öffentlichen Hand in Kärnten, Salzburg und Linz verblüffend, dass bestimmte Oberländer Gemeindevorsteher dennoch Interesse zeigen, öffentliche Gelder in hochriskante Anlageformen mit fragwürdigen Renditechancen zu investieren. Ob die Herren wohl auch so vorbehaltslos bereit wären, ihr Privatvermögen in diesem Projekt anzulegen?

Mit besten Grüßen,

Mag. Dr. Martin Huber
Wirtschaftsforscher an der Universität St. Gallen und gebürtiger Landecker

Anhang: Postwurfsendung_SannaNews_01/2014

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3 Antworten zu “„Auf den Terminmärkten gehen die Marktakteure auch mittelfristig von niedrigen Strompreisen aus.“

  1. Folgende Antwort habe ich auf meine Anfrage auf der Website der Wasserkraft Sanna bekommen. Das beantwortet die Frage, wie viele Dauerarbeitsplätze geschaffen werden: Gar keine!

    Sehr geehrter Herr DI Klingler,

    der Sinn des Kraftwerkes liegt nicht darin, neue Dauer-Arbeitsplätze zu schaffen (die Wertschöpfung aus der Bauphase soll aber nicht unterschätzt werden), sondern die Energiesicherheit auf Grundlage der Strategie des Landes Tirol zu gewährleisten. Zusätzlich wird es durch das analog wie beim KW Stanzertal verwendete Gemeindebeteiligungsmodell ermöglicht, dass die Gemeinden als Miteigentümer von den kontinuierlichen Erträgen während der Laufzeit von rund 80 Jahren profitieren.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wasserkraft Sanna GmbH
    Innstraße 23, 6500 Landeck
    http://www.wasserkraft-sanna.at

    Infra Project Development GmbH
    Ing.-Etzel-Straße 17, 6020 Innsbruck
    Mail: office@infra.at

    > Betreff: Infoanfrage Wasserkraft Sanna
    >
    > Text: Wie viele Dauer-Arbeitsplätze werden in der Region durch das Sanna-Kraftwerk geschaffen?

    • Hoch interessante Antwort:
      Seit dem TT- Forum im März in Pians ist das schon ein alter Hut, dass kein einziger Dauerarbeitsplatz geschaffen wird!

      Neu ist, dass bisher mit einer Laufzeit von 100 Jahre argumentiert wurde. Nun sind es schon 20 Jahre weniger. Wohl in der Erkenntnis dass es schon egal ist, ob 80 oder 100 Jahre Betriebsdauer erzielt werden kann, wenn lt. Univ.- Prof. Mag. Dr. Alois Pircher eine im günstigsten Fall notwendige Laufzeit von über 107 Jahre notwendig sein wird, damit man das Fremdkapital zurück zahlen kann! 😦

      Das Gemeindebeteiligungsmodell wurde wohl nur zur Zustimmung der Bevölkerung entwickelt um ihr dann Unwahrheiten mitteilen zu können, dass mehr als 50.000 € jährlich für jede Gemeinde in das Budget fließen wird?

      Nach der Wirtschaftlichkeitsexpertise von Mag. Dr. Alois Pircher bedarf es einen Stromhandelspreis von ca. 7,5 Ct./kWh, damit ein Gesamtgewinn von 300.000 € übrig bleibt! Nach Abzug der KöSt. (25%) und nach Aufteilung der Gesellschafteranteile (Gemeinden haben insgesamt 25% Anteile) bleiben netto ein wenig mehr als 8.000 €/Jahr für jede Gemeinde übrig! Also weit weg von 50.000 oder mehr Euro!

      Anzumerken ist noch, dass die Expertise von Mag. Dr. A. Pircher auf Daten der INFRA beruht und dass beim günstigsten Modell (mit Rückzahlungsdauer von über 100 Jahre) ein Stromhandelspreis von 4 Ct./kWh zugrunde gelegt wurde! Wie stark sich auch nur geringste Abweichungen davon auswirken, soll dieses Beispiel zeigen, wenn festgestellt wird, dass bei einem Stromhandelspreis um nur 0,5 Ct./kWh weniger, also 3,5 Ct./kWh sich die Rückzahlung der Kredite auf über 600 Jahre erstreckt!

      Wie aus meinem Kommentar unten entnommen werden kann, ist auf dem Börsenterminmarkt derzeit für 2018 ein maximaler Handelspreis von 3,2 Ct./kWh erzielbar! Das würde bedeutend, dass dieser Stromhandelspreis derzeit um über 200% ansteigen müsste! Statt dessen befindet er sich ab heuer bis 2018 zumindest noch um ca. 6% im Sinkflug!

      Danke und LG
      Günter

  2. Ein toller Beitrag und hoffentlich wird sich dieser Beitrag weit verbreiten.

    Hier die Ergänzung mit aktuellen Terminmarktpreisen für Bandstrom bis 2018 an der Leipziger Börse:
    Juli 2015: 34,39 €/MWh = 3,44 €/kWh
    Juli 2016: 33,30 €/MWh = 3,33 €/kWh
    Juli 2017: 32,15 €/MWh = 3,22 €/kWh
    Juli 2018: 32,10 €/MWh = 3,21 €/kWh

    Der Zukunftsmarkt (Terminmarkt) entwickelt sich auf der Börse nach wie vor nach unten! Für 2015 wird die MWh um 34,39 €/MWh od. 3,44 Ct./kWh gehandelt.

    Langsam aber stetig sinkt er allerdings bis 2018 um 6 % auf 32,10 €/MWh bzw. 3,21 Ct./kWh!

    Also pro Jahr um durchschnittlich 2%! Woher nehmen die Projektbetreiber diesen Optimismus angesichts solcher Zahlen?

    Sie werden wohl mit falschen Diagrammen agieren, denn in den letzten Jahren ist natürlich der Endverbraucherpreis trotzdem stetig gestiegen. Solche Diagramme findet man auf der Website von der österreichischen E- Control. Ist natürlich eindrucksvoll, wenn man in Pressekonferenzen solche Diagramme herzeigt, wo nur die halbe Wahrheit dazu kommentiert wird, wenn man auf die Quelle hinweist und dazu sagt: „das ist die Strompreisentwicklung der letzten Jahre und wie man diesem Diagramm entnehmen kann hat sie eine steigende Tendenz!“

    Meine Kommentare in der TT der letzten Tage ergänzen Deinen tollen Beitrag zusätzlich. Wer also Interesse daran hat, der findet die Links hier aufgelistet:
    2014_07_02_TT-Artikel_Trockene Sanna ist ein Tabu
    Siehe Artikel: http://www.tt.com/panorama/natur/8588437-91/trockene-sanna-ist-ein-tabu.csp?tab=article
    und Diskussionbeitrag: http://www.tt.com/panorama/natur/8588437-91/trockene-sanna-ist-ein-tabu.csp?tab=diskussion

    2014_07_08_TT-Artikel_ Lösungen für Sanna-Anrainer vorgestellt
    Siehe Artikel: http://www.tt.com/panorama/verkehr/8610496-91/lösungen-für-sanna-anrainer-vorgestellt.csp
    und Diskussionsbeitrag: http://www.tt.com/panorama/verkehr/8610496-91/lösungen-für-sanna-anrainer-vorgestellt.csp?tab=diskussion

    2014_07_09_TT-Artikel_ Eine deutliche Botschaft der Wildwassersportler
    Siehe Artikel: http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/8616728-91/eine-deutliche-botschaft-der-wildwassersportler.csp?tab=article
    und Diskussionsbeitrag: http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/8616728-91/eine-deutliche-botschaft-der-wildwassersportler.csp?tab=diskussion

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