Ergänzende Stellungnahme von Prof. Pircher für die Stadtgemeinde Landeck

Univ.-Prof. Hon.-Prof. Mag. Dr. Alois Pircher, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater
lnnsbruck, am 15.05.2014

Stellungnahme Kraftwerksbau Sanna

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Wolfgang Jörg!

Ich möchte mich recht herzlich für die Einladung bedanken. Insbesondere aber auch für die Möglichkeit, als einziger Unbeteiligter der kein wirtschaftliches Interesse an dem Bauprojekt hat, meine Bedenken betreffend Wirtschaftlichkeit des Projektes darzulegen.

Unsere Berechnungen beruhen ausschließlich auf den Angaben des Projektentwicklers INFRA und zeigen in allen von uns durchgespielten Szenarien auf, dass sich, unter Annahme von realistischem Datenmaterial, dieses Projekt nicht rechnet bzw. je nach Veränderung der Parameter frühestens nach 50 bis 80 Jahren oder später mit der ersten Ausschüttung an die Anteilseigner gerechnet werden kann. Bei dem Großteil unserer Szenarien ist zusätzlich ein jährlicher negativer Cashflow für die ersten (bis zu) 40 Jahre zu erwarten – danach ist ein positiver jährlicher Cashflow möglich, jedoch muss die kumulierte Unterkapitalisierung die bis dahin aufgebaut wird, irgendwie bestritten werden, was wiederum zusätzliches Fremdkapital bedeuten könnte. In unseren Augen ist dieser jährliche negative Cashflow ein eindeutiges Zeichen für die Unwirtschaftlichkeit des Projektes, da für die Fremdfinanzierung der Investitionskosten wiederum Fremdkapital benötigt wird (der jährliche Cashflow reicht für die Tilgung der laufenden Verbindlichkeiten in unseren Augen nicht aus). Dies ist wirtschaftlich nicht vertretbar und zu vermeiden. Bei solchen Situationen müssen jedenfalls die Gesellschafter in Form einer Rangrücktrittserklärung der Banktilgung den Vortritt lassen und auf Ihren Anteil bzw. Zinsen verzichten.

Unsere Berechnungen zeigen in allen Szenarien auf, dass sich dieses Projekt nicht rechnet.

Auf die Bemerkung hin, dass das geplante Investitionsprojekt die Kassen der betroffenen Gemeinden füllen sollte, antwortete der Vertreter der Betreiberfirma INFRA, dass dies nie Gesprächsthema war und wenn dem so ist, so frage ich mich, welches Interesse sollte eine Gemeinde an einem so strittigen Objekt haben, wenn damit keine finanziellen Vorteile für die Gemeinden verbunden sind und zudem negative wirtschaftliche Auswirkungen dazu führen könnten, dass der Tourismus darunter zu leiden hat, was in letzter Konsequenz wahrscheinlich auch wieder die betroffenen Gemeinden finanziell belasten wird.

Welches Interesse sollte eine Gemeinde an einem so strittigen Objekt haben, wenn damit keine finanziellen Vorteile für die Gemeinden verbunden sind?

Sehr nachdenklich stimmt mich als Steuerexperte und Gutachter mit über 35 Jahren Erfahrung die Aussage des Vertreters der INFRA und dessen Rechtsberater, dass sich das Projekt bei einem Strompreis von 7 Cent rentiert. Solche Aussagen sind unverantwortlich, allein schon deshalb, da die Annahme einer Nutzungsdauer von 60 Jahren gegen das Unternehmensrecht verstößt, da Kraftwerke für Ihre Investitionen Nutzungsdauern von 5 bis 60 Jahren je nach Investitionsgut aufweisen und dies ergibt niemals eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 60 Jahren. Auch alle anderen Parameter, wie Strompreisentwicklung, Änderung des Finanzierungszinssatzes, Stromerzeugungsmenge und künftige Wasserführung werden mit den letzten 50 Jahren begründet, aber nicht gegenwarts- und zukunftsbezogen betreffend der möglichen Änderungen adaptiert. Betrachtet man die aktuelle Strompreisentwicklung, so ist ein erzielbarer Preis von 7 Cent (das doppelte des derzeit üblichen Marktpreises) meiner Meinung nach, in Frage zu stellen. Auch zu einer allfälligen Reinvestition in der Zukunft wird lediglich die Aussage getroffen, dass diese in 50 bis 60 Jahren anfallen wird, jedoch eine Berücksichtigung im Sinne einer Reinvestitionsreserve in der Planungsphase zur Darstellung der Wirtschaftlichkeit wird vernachlässigt.

Betrachtet man die aktuelle Strompreisentwicklung, so ist ein erzielbarer Preis von 7 Cent in Frage zu stellen – das doppelte des derzeit üblichen Marktpreises.

Auch auf die Frage, ob an allfällige Investitionskostenüberschreitungen gedacht wurde, bekam ich keine Antwort. Aus den Medien ist zu entnehmen, dass bei einem anderen Kraftwerksbau in der selben Region die finanzierende Bank zusätzliche Haftungsübernahmen von den Gemeinden verlangte. Zum einen für das Baurisiko, als auch Kostenüberschreitungen, zum anderen für die Strompreisentwicklung. Dies sind für die beteiligten Gemeinden nicht unbeachtliche wirtschaftliche Risiken, die zusätzlich getragen werden müssten.

Darüber hinaus wurde seitens des Vertreters der INFRA die Aussage getroffen: „Wir werden uns vorerst um alle Genehmigungen kümmern und dann erst die Berechnungen anstellen und entscheiden, ob sich das geplante Bauprojekt rechnet oder nicht.“
„Wer bezahlt in diesem Fall die gesamten Vorlaufkosten?“- Sie, Herr Bürgermeister haben das richtigerweise bei diesem Hearing angemerkt. Diese Vorgangsweise erinnert mich an Zwentendorf: Zuerst wird das AKW gebaut, dann wird die Bevölkerung gefragt und das Kraftwerk nie in Betrieb genommen.

Wer bezahlt die gesamten Vorlaufkosten?

Auch die mahnenden Worte des Vertreters des Gemeindeverbands Herr Walser sind mir sehr wohl in Erinnerung. Er merkte an, dass Sie sich zu den wirtschaftlichen Berechnungen nicht äußern werden und auch nicht mit einbinden lassen. Der Gemeindeverbandsvertreter wies aber ausdrücklich daraufhin, dass die betroffenen Gemeinden unterschiedliche Finanzstrukturen aufweisen und auch unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten für eine Beteiligung haben, aber die betroffenen Gemeinden nicht damit rechnen können, dass im Falle des Eintrittes von finanziellen Risiken (Schäden), das Land den betroffenen Gemeinden finanziell helfen wird.

Durch meine bereits 35-jährige Erfahrung im Umgang mit Investitionsprojekten habe ich eines gelernt: Die Überprüfung der Wirtschaftlichkeit von Investitionsprojekten sollte nach 3 Varianten durchgeführt werden. Zum einen die optimistische Variante, zum anderen die realistische und zu guter Letzt auch die pessimistische. Nur wenn sich aus den Berechnungen eindeutig ergibt, dass die Finanzierbarkeit des Investitionsobjektes bei Erreichen der pessimistischen Variante gegeben ist, kann einer positiven Entscheidung durch die verantwortlichen Gemeindevertreter grünes Licht gegeben werden, denn in diesem Falle ist das finanzielle Risiko durch die betroffenen Gemeinden kalkulierbar.

Dieses Schreiben ist für Sie, als Bürgermeister meiner ehemaligen Heimatgemeinde, gedacht. Ich würden es aber begrüßen, wenn Sie auf Grund des Ausmaßes des Projektes, den damit verbundenen Risiken und der Tatsache, dass eine Ausschüttung an die Gemeinden unserer Meinung nach bei realistischer Annahme sich verändernder Parameter allerfrühestens ab 50 Jahren aufwärts zufließen wird, an Ihre Bürgermeister-Kollegen weiterleiten würden.

Ergänzung:
Laut dem Artikel in der Oberländer Rundschau vom 14./15. Mai, stützt man sich auf die Berechnungen vom Frauenhofer-lnstitut. Falls Sie Zugang zu diesen Berechnungen haben, wäre es kein Fehler, wenn wir die Berechnungen vom Institut einer Plausibilitätskontrolle unterziehen könnten.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche und verbleibe hochachtungsvoll

Anhang: Wirtschaftlichkeitsszenarien
2014_05_15_Sanna_KW_Simulation_var1
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szenario1-wirtschaftlichkeitsrechnung

Szenario1 – Wirtschaftlichkeitsrechnung

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Eine Antwort zu “Ergänzende Stellungnahme von Prof. Pircher für die Stadtgemeinde Landeck

  1. Super, dass hier nun auch die vollständige ergänzende Stellungnahme veröffentlicht wurde!

    Damit kann sich jeder interessierte Bürger selbst ein Bild von dem Märchen aus Pians machen, wonach jeder Gemeinde nach Tilgung der Kredite zw. 50.000 bis 150.000 €/a ausgeschüttet werden kann.

    Nur am Rande anzumerken ist, dass auf der Leipziger Stromhandelsbörse der Terminmarkt bis 2018 um 6% gegenüber den Handelspreis für Juli 2015 bereits gesunken ist. Also die nächsten 4 Jahre sieht die E- Wirtschaft nach wie den Strompreis sinken und nicht steigen! Bis zur Inbetriebnahme des Kraftwerks könnte der Handelspreis dann schon so tief gesunken sein, dass er danach um bis zu 300% sich steigern wird müssen, damit überhaupt die Gewinnschwelle erreicht werden kann! Derartige Preissteigerungen wird vermutlich nicht einmal der unverbesserlichste Optimist erwarten!

    Abschließende Anmerkung:
    Alle hier angestellten Szenarien berücksichtigen keine Reduktion des RAV wie von INFRA zugrunde gelegt! Wenn man aber den Outdoorsport auf der Sanna nicht umbringen will, dann sind die beabsichtigten Triebwasserentnahmen in den wasserreichsten Monaten von Anfang Mai bis Ende September von 25m³/s unrealistisch. Realistisch ist dann jedoch ein viel geringeres RAV von fast 50% als derzeit mit 83 GWh/a von der INFRA prognostiziert wird! In diesem Fall erübrigen sich dann aber alle weiteren seriösen Berechnungen und Szenarien in Bezug auf eine Rentabilität, denn weniger RAV bedeutet im selben Prozentverhältnis auch weniger Erlöse! Erst gestern konnte man im Standard lesen, dass der Verbund seine Gewinnerwartungen drastisch nach unten (- 36 Mio. €) revidieren musste, aber nicht nur wegen des anhaltend niederen und weiter sinkenden Stromhandelspreises, sondern auch um ca. 16 Mio. wegen des geringeren Wasseraufkommens im heurigen Jahr (bisher – 7%)! Der Verbund hat den überwiegenden Anteil seiner Wasserkraftwerke an der Donau, am Inn und einiger weiterer Alpenbäche bzw. Alpenflüsse (auch in Tirol z.B. Zillertal). Auch das Wasseraufkommen hat eine sinkende Tendenz!

    LG euer Günter

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